Punks

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¬© Archiv B√ľrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-027-059

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"Ich wohne dort, wo die Schizophrenie regiert,¬†dort wo dich jeder Spie√üer anstiert, dort wo man Mauern baut,¬†sich keiner was zu sagen traut." ‚Äď L'ATTENTAT: "Friedensstaat"¬†

Punks

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Punk ist dagegen, Punk macht nicht mit. In der DDR, die darauf ausgelegt war, dass alle mitmachen und dass alle daf√ľr sind, hie√ü das: Punk macht Probleme und Punk wird bek√§mpft.¬†

Eigentlich schade, denn Punks geht es ja nicht nur ums Dagegensein, es geht ihnen auch¬†um Zusammenhalt und Solidarit√§t, um Freundschaft und um den Mut, auch gegen Widerst√§nde¬†f√ľr die eigene Sache einzustehen ‚Äď alles Werte, die ja irgendwie auch die DDR propagierte. So gesehen h√§tten Punks auch die idealen DDR-B√ľrger:innen sein k√∂nnen. Glaubst du nicht? Stimmt schon, sowohl die DDR-Punks als auch die SED-Parteispitze h√§tten auf diese Behauptung wohl mit Emp√∂rung reagiert. Aber ich werde in diesem Kapitel erkl√§ren, was ich damit meine.

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Ausschnitt aus einer Sendung des DDR-Piratensenders RADIO GLASNOST - AU√üER KONTROLLE von 1988, der √ľber eine Westberliner Rundfunkstation oppositionelle Inhalte in die DDR sendete.

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© RADIO GLASNOST

Archiv B√ľrgerbewegung Leipzig / Audiobestand, Radio Glasnost: Mitschnitt der Sendung vom 28.11.1988, A-048-2

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1. Anders sein als Lebensentwurf

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Bunt gef√§rbte Haare, auff√§llige Klamotten und "too much future" ‚Äď Punks verk√∂rpern seit Anfang der 1980er Jahre das Gegenteil von braven DDR-B√ľrger:innen. Sie lehnen Autorit√§ten ab, wichtig sind ihnen Freiheit und Unabh√§ngigkeit. St√§rker k√∂nnen Jugendliche in der DDR nicht provozieren.

Kim aus Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Jahrgang 1964, gehörte zu ersten Generation der DDR-Punks. Die Szene ist hier in der Provinz Anfang der 1980er Jahre gerade erst am Entstehen.

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"Das will ich sein." Woher krieg' ich die Klamotten? Kims Style
Kims erste Begegnung mit Punk
Das (immer irgendwie gelöste) Grundproblem fast aller DDR-Jugendkulturen
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¬© Archiv B√ľrgerbewegung Leipzig / ZZI - 081

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¬© Archiv B√ľrgerbewegung Leipzig / ZZI - 081

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"Das will ich sein." Woher krieg' ich die Klamotten? Kims Style
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Urheber: Helma Hellinga

https://www.flickr.com/photos/held54/6795475556/in/photostream/

Cc2BYNCSA

Die Vorbilder: Punkerinnen in London, 1981

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Urheber: Helma Hellinga

https://www.flickr.com/photos/held54/6795539232/in/photostream/

Cc2BYNCSA

Punks im englischen Leeds, 1981

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© Privatarchiv Kim Pickenhain

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Kim in ihrer Lederjacke 1983. In ihr f√ľhlt sie sich gewappnet gegen√ľber der Au√üenwelt, wie in einer "R√ľstung".

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© Privatarchiv Kim Pickenhain

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Kim auf dem Alexanderplatz (Alex) in Ost-Berlin, beliebter Treffpunkt f√ľr Punks

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© Privatarchiv Kim Pickenhain

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Kim mit ihrem "kleinen Bruder" auf dem Alex in Ost-Berlin

"Was sollen denn die Leute denken?"

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¬© Archiv B√ľrgerbewegung Leipzig / ZZI - 081

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Aufgabe

Das will ich sein!

Kennst du das, was Kim oben erzählt? Erzähle eine kurze Geschichte - echt oder ausgedacht, du musst es nicht verraten - in der es um die Fragen "Wer bin ich?", "Wie möchte ich sein?", "Wie gehe ich mit Ablehnung um?" oder "Was gibt mir die Kraft, zu mir selbst zu stehen?" geht. 

2. Punk in der DDR

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Keine Jugendkultur in der DDR bricht so radikal mit den g√§ngigen Vorstellungen zu Aussehen, Kleidung und Lebensf√ľhrung. Und niemand klagt in seinen Texten die gesellschaftlichen Probleme der DDR so schonungslos an wie die Punkbands. Da muss man nichts "zwischen den Zeilen lesen" ‚Äď es wird ganz offen gesungen bzw. geschrien, was einem an diesem Staat und dieser Gesellschaft nicht passt.

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© Christiane Eisler, transit Leipzig

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Punk-Konzerte fanden h√§ufig unter dem Dach und damit dem Schutz der evangelischen Kirche statt. Engagierte Pfarrer oder Sozialdiakone boten den DDR-Au√üenseiter:innen M√∂glichkeiten f√ľr Auftritte. Das Foto zeigt ein Konzert von WUTANFALL, der ersten Punkband in Leipzig, in der Nikolaikirche, Januar 1983.

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© Christiane Eisler, transit Leipzig

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Die Leipziger Band HAU auf dem Weg in die Leipziger Innenstadt, 1983. HAU steht f√ľr "Halbgewalkter anarchistischer Untergrund".

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© Christiane Eisler, transit Leipzig

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HAU spielt mit Bernd Stracke als Sänger und Ratte am Bass 1983 in der Christuskirche Halle.

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© Digitale Lernwelten GmbH erstellt mit Canva

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Einige Namen von DDR-Punkbands

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Aufgabe

Provokante Namen?

Suche dir in der Grafik oben einen Bandnamen aus! Verfasse dann eine kurze ausgedachte Erklärung eines Bandmitglieds, warum man sich diesen Namen gegeben hat. Lass deiner Fantasie dabei freien Lauf, gehe aber auf typische Punkmerkmale wie Provoktion, Spaß, Kritik am Normalen usw. ein!

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SCHLEIMKEIM ‚Äď "Abfallprodukte der Gesellschaft" L'ATTENTAT ‚Äď "Leipzig in Tr√ľmmern" PLANLOS - "√úberall wohin's dich f√ľhrt"
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1984/85
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Am Mikro Bernd Stracke, 1982/83
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1982/83
SCHLEIMKEIM ‚Äď "Abfallprodukte der Gesellschaft" L'ATTENTAT ‚Äď "Leipzig in Tr√ľmmern" PLANLOS - "√úberall wohin's dich f√ľhrt"
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Aufgabe

Provokante Texte?

  1. H√∂re dir einen der drei Songs oben an. Notiere dir deine ersten¬†Eindr√ľcke, gehe dabei auf Musikstil, Text - soweit verst√§ndlich - und die Aufnahmequalit√§t ein!
  2. Nenne mindestens ein Element, an dem Du erkennst, dass es sich bei dem Song um DDR-Punk handelt. Die Texte der Songs findest du √ľbrigens hier:¬†Abfallprodukte der Gesellschaft,¬†Leipzig in Tr√ľmmern,¬†√úberall wohin¬īs dich f√ľhrt)

3. Staatliche Reaktionen

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Die seit Anfang der 1980er Jahre in der DDR entstehende Punkszene wird vom Staat massiv √ľberwacht, schikaniert und kriminalisiert. Ziel von SED und Staatssicherheit ist es schon fr√ľh, die Szene zu zerschlagen. Aussehen, Lebensf√ľhrung, Namen und Songtexte werden vom Staat als klare Provokation und direkter Angriff verstanden. Keine der bekannten¬†DDR-Jugendkulturen war in √§hnlichem Ma√üe staatlichen Unterdr√ľckungsma√ünahmen ausgesetzt wie die Punks.¬†

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© Bundesarchiv, StUA, MfS, BV Karl-Marx-Stadt, AOP, Nr. 3565/85, Bd. 1, Bl. 178

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Auch Kim vom Kapitelanfang ger√§t ins Visier der Staatsgewalt. Nach einer Aktion f√ľr einen Freund, der die DDR verlassen will, erstellt die Volkspolizei erkennungsdienstliche Fotos von Kim und ihren Freunden.

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Zwei Dresdner Punks berichten 1988 in einem Radiobeitrags des DDR-Piratensenders RADIO GLASNOST √ľber Repressalien. Wegen ihres angeblichen "un√§sthetischen Aussehens" d√ľrfen sie sich z.B. in bestimmten Bereichen der Innenstadt nicht frei bewegen.

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© RADIO GLASNOST

Archiv Buergerbewegung Leipzig / Audiobestand, Radio Glasnost: Mitschnitt der Sendung vom 28.11.1988, A-048-2

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4. NAMENLOS - eine Punk-Band wird verhaftet ...

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1983 wird zu einem H√∂hepunkt der staatlichen¬†Verfolgung der Punkszene. Im August werden die Mitglieder der Berliner Band NAMENLOS nach einem Konzert in Ostberlin verhaftet und wegen "√∂ffentlicher Herabw√ľrdigung staatlicher Organe" angeklagt. Der Anlass: Die¬†Texte der Band greifen heikle Tabu-Themen wie z.B. die Mauer zwischen Ost und West und die Nazi-Szene in der DDR auf.

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© Christiane Eisler

Christiane Eisler, transit leipzig

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Eigentlich besteht die DDR-Punk-Szene gr√∂√ütenteils aus M√§nnern. Die Band NAMENLOS stellt eine Ausnahme dar. Schlagzeugerin Mita und S√§ngerin Jana bilden zusammen mit Gitarrist A-Micha und Bassist Frank die Band. Auf dem Foto siehst du (v.l.n.r.) Jana, eine Freundin und Mita von NAMENLOS auf Besuch in Leipzig im Fr√ľhjahr 1983.

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© Christiane Eisler

Christiane Eisler, transit Leipzig

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Mita von NAMENLOS hat im Fr√ľhjahr 1983 Spa√ü im Leipziger Seeburgviertel.

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© Christiane Eisler

Christiane Eisler, transit Leipzig

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Mita und Jana von NAMENLOS in einem verfallenem Haus im Leipziger Seeburgviertel im Fr√ľhjahr 1983.

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Hört rein in das Lied "Staatsgrenze" von NAMENLOS!
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Text

"Staatsgrenze" von NAMENLOS

DDR-Staatsgrenze! 
Stehenbleiben oder ich schieße!!!

Elektrozaun und Stacheldraht
Damit sich niemand r√ľberwagt
Aus Ost und West

Selbstschuss und ein Minenfeld
Damit es uns hier gut gefällt
In Deutschland, Deutschland Ost

M√∂rder in den Grenzt√ľrmen
Verhindern unseren Weg zu euch
Nach Deutschland, Deutschland West

Hundstreifen tun beißen
Damit wir vor der Freiheit kneifen
Weil das nun mal so ist

Bluthund, Mauer, Stacheldraht
Unterst√ľtzen den KZ-Apparat
In unserem schönen (scheiß) Staat

Deutschland, Deutschland Ost
Deutschland, Deutschland West
Ost und West, Ost und West


GDR state border! Stand still or I'll shoot!!!

Electric fence and barbed wire

So that no one dares to cross

From East and West


Self-shot and a minefield

So that we like it here

In Germany, Germany East


Murderers in the border towers

Prevent our way to you

To Germany, Germany West [...]

 
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© Archiv Heldenstadt Anders e.V.

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A-Micha verschriftlichte den Liedtext später aus seiner Erinnerung.

Liedtext von ALTERNATIVE 13 (1979). NAMENLOS √ľbernahm und sang es 1983.

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Aufgabe

Staatsgefährdend?

Stell dir vor, du w√ľrdest 1983 bei der¬†Staatssicherheit der DDR arbeiten. Du w√§rst auf ein NAMENLOS-Konzert geschickt worden, um zu untersuchen, ob sich die Band "staatsgef√§hrdend" oder "herabw√ľrdigend gegen√ľber staatlichen Organen" verh√§lt. Auf dem Konzert wird auch der Song "Staatsgrenze"¬†gespielt. Verfasse einen Bericht an deinen Vorgesetzten, in denen du Band und Song einsch√§tzt.

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© Foto: Christiane Eisler; Text: Michael Horschig

Foto: Christiane Eisler, transit Leipzig; Zitat: Michael Horschig: In der DDR hat es nie Punks gegeben. in: Ronald Galenza/ Heinz Havemeister (Hg.): Wir wollen immer artig sein ... . Berlin 1999. S. 33

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"... [es war] mit dem eigenen K√∂rper praktizierter Widerstand, der im Brechen aller Tabus bestand." A-Micha √ľber seine Band NAMENLOS
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Frank, Micha, Jana und Mita von NAMENLOS werden am 11. August 1983 in Berlin verhaftet. Man bringt sie in die Untersuchungshaft der Staatssicherheit. Mita, noch 17, wird nach sieben Wochen wieder freigelassen. Anfang Februar 1984 werden Jana und Micha zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Frank, der Bassist der Band, erhält ein Jahr Gefängnis.

Vorgeworfen wird ihnen "Herabw√ľrdigung der staatlichen Organe in der √Ėffentlichkeit" (¬ß 220 Strafgesetzbuch der¬†DDR). Gemeint sind kritische Lieder wie z.B. "Nazis wieder in Ostberlin", "MfS-Lied" oder "Gleichschritt". Berliner Kirchenleute solidarisieren sich beim Prozess mit ihnen. Die Kunde von ihrer Inhaftierung dringt sehr schnell auch nach Leipzig ...

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Jana im Video Jana im Podcast
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Jana Schlosser von NAMENLOS im Interview √ľber ihre Verhaftung 1983

Wenn du dich noch etwas ausf√ľhrlicher √ľber das Leben von Jana Schlosser informieren willst, findest du √ľber diesen Link einen ZEIT-Podcast mit ihr, in dem sie von ihrer damaligen Punk-Zeit und der staatlichen Unterdr√ľckung, der sie ausgesetzt war, berichtet.

Jana im Video Jana im Podcast

5. "Freiheit f√ľr Jana und Mita und A-Micha" ...

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© SStA Leipzig, BDVP 5220

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Leipzig-Gr√ľnau, 1983

... spr√ľhen in der Nacht zum 16. August 1983 vier Jugendliche in Leipzig-Gr√ľnau an ein Trafoh√§uschen. Sie wollen damit gegen die Verhaftung ihrer Berliner Freunde von NAMENLOS vor wenigen Tagen protestieren und kommen schlie√ülich selbst ins Gef√§ngnis. Was ist passiert?

Sie sitzen an einem Montagabend mit Bekannten im Leipziger Neubauviertel Leipzig-Gr√ľnau, trinken etwas, f√§rben sich die Haare, h√∂ren Musik und sehen fern. Bis "Fleischer", Connie und "Ratte", schon etwas angetrunken, nach Mitternacht auf die Idee kommen, "spr√ľhen zu gehen". Die Wut √ľber die Verhaftung der Freunde soll raus, sie wollen aktiv etwas tun. Von einem Bekannten um die Ecke holen sie sich Spr√ľhdosen mit Autolack, der in der DDR¬†nicht so leicht zu bekommen war.¬†Der Bekannte begleitet sie auf ihrer √ľberm√ľtigen Tour durch das n√§chtliche Gr√ľnau.

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© SStA Leipzig, BDVP 5220

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... spr√ľhen sie f√ľr ihre Berliner Freunde von NAMENLOS. A-Micha steht f√ľr Anarcho-Micha.

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© SStA Leipzig, BDVP 5220

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... kritisieren sie und beziehen sich dabei auf der Lied von NAMENLOS: "Nazis wieder in Ostberlin".

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© SStA Leipzig, BDVP 5220

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... spr√ľhen sie auch. Die Leipziger Band HAU sang 1982/83 ein gleichnamiges Lied.

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© SStA Leipzig, BDVP 5220

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"Trinken f√ľr den Frieden, Schwerter zu Zapfh√§hnen." Hier gehen sie kreativ mit der Losung der DDR-Friedensbewegung "Schwerter zu Pflugscharen" um.

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© SStA Leipzig, BDVP 5220

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A wie Anarchismus ... Dieser steht, grob gesagt, f√ľr eine Gesellschaft ohne Herrschaft, in der Hierarchien aufgehoben sind. Im Mittelpunkt stehen Freiheit, Selbstbestimmung und kollektive Selbstverwaltung.

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Info

Geschichte einer Verhaftung

Die Polizei fotografiert alle Graffitis am n√§chsten Tag und stuft sie als "√∂ffentliche Herabw√ľrdigung" staatlicher Einrichtungen (¬ß 220 Strafgesetzbuch der DDR) ein. Im Rausch des Spr√ľhens bespr√ľhten zwei junge Leute auch geparkte Autos. Der Aufschrei der Betroffenen am n√§chsten Morgen wird gro√ü sein. Als die Spr√ľher:innen in die Wohnung von "Fleischer" zur√ľckkehren, machen sich die anderen jungen Leute lieber schnell auf den Nachhauseweg. Sie f√ľrchten, dass nach der Spr√ľhaktion die Polizei am Morgen an der T√ľr klingelt.

Aber¬†die wei√ü bereits Bescheid. Ein Polizist hatte die vier Jugendlichen nachts aus der Ferne gesehen. Sie waren ihm aber entwischt. Als ein Funkstreifenwagen an der Haltestelle nun die anderen Jugendlichen auf dem Nachhauseweg sieht, stoppt er und nimmt sie mit auf¬īs Revier.
Dort werden sie am nächsten Morgen verhört und sagen schließlich aus, was sie mitbekommen haben. Nun ist es zur Verhaftung der Sprayer:innen nicht mehr weit.

Juliane Thieme

Die Sprayer:innen

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Ratte Connie Fleischer
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© Christiane Eisler

Christiane Eisler, transit Leipzig

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Ratte aus Leipzig ist 1983 17 Jahre alt und seit zwei Jahren Punk. Als Bassist spielt er bei HAU. Er wird am Tag nach der Sp√ľhaktion nachmittags 15 Uhr zu Hause verhaftet, mit Kette und Handschellen abgef√ľhrt. Noch rechnet er lediglich mit einer Geldstrafe und einer Menge √Ąrger.
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© SStaL 5221, Bl. 92: Vernehmungsprotokoll vom 21.9.1983

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Ratte beschreibt sein Verhältnis zum Punk - Auszug aus einem Vernehmungsprotokoll. Seine Vernehmung am 21.9.1983 dauerte fast vier Stunden.
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© SStaL 5221, Bl. 108: Vernehmungsprotokoll vom 7.9.1983

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Ratte begr√ľndet die Spr√ľhaktion - Auszug aus einem Vernehmungsprotokoll. Diese Vernehmung dauerte insgesamt √ľber vier Stunden.
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© SStaL 5221, Bl. 67

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Von der Polizei bei der Wohnungsdurchsuchung beschlagnahmte Badges - Plaketten zum Anstecken - von Ratte. Verschiedene Leute hatten sie alle selbstgemacht.
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© Bundesarchiv, StUA, MfS, BV Lpz, KD Lpz-Stadt, Nr. 028270, S. 145

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Auch die Tafel aus Rattes Zimmer, wo sicher jede:r verewigen konnte, der Lust dazu hatte, wird von der Polizei beschlagnahmt.
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Archiv C. Mareth / Heldenstadt Anders e.V. Leipzig

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Connie ist bei der Spr√ľhaktion 17 Jahre alt und wird auf ihrer Arbeitsstelle von einem Mitarbeiter der Staatssicherheit verhaftet: "Ich bin einfach spr√ľhen gegangen, weil es mir gef√§llt, auf diese Weise meine Meinung zu √§u√üern. Ich hatte Lust dazu."
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© SStaL, 5221, Bl. 35: Vernehmungsprotokoll vom 12.9.1983

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Warum sich Connie bei den Punks wohlf√ľhlt, gibt sie bei ihrer Vernehmung zu Protokoll.
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© SStaL, 5221, Bl. 42, Vernehmungsprotokoll vom 16.08.2024

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Offen erl√§utert sie am Tag ihrer Inhaftierung ihre Motivation f√ľr die Spr√ľhaktion.
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© SStaL, 5221, Bl. 39: Vernehmungsprotokoll vom 16.8.1983

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Aus der FDJ war Connie schon in der 9. Klasse ausgetreten.
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© Christiane Eisler

Christiane Eisler, transit Leipzig

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Der Mutter von Fleischer gehörte die Wohnung, wo sich die Jugendlichen 1983 treffen. Er ist gerade 18 geworden.
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© SStaL, BDVP 5220, Bl. 37

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Die Polizei beschlagnahmt auch Klamotten von Fleischer. Das T-Shirt zu Nina Hagen oben rechts hat er selbst mit Aufklebern und Spraydose gestaltet.
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© Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom 26.8.1983, S. k.A.

LVZ vom 26.8.1983

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Zehn Tage nach der Spr√ľhaktion ver√∂ffentlicht die Leipziger Volkszeitung die Erfolgmeldung der Volkspolizei. Zu den Inhalten der Grafitti ist nichts zu lesen.
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© SStAL 5226, Bl. 46: Urteil

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Fleischer erhält die höchste Haftsstrafe von 10 Monaten (vgl. 1.)
Ratte Connie Fleischer
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Aufgabe

Mutig?

  1. Lies dir die Vernehmungsprotokolle von Ratte und Connie in den Galerien oben durch. Das sind die Aussagen von zwei inhaftierten 17-Jährigen vor der Polizei. Verfasse eine Aussage einer gleichaltrigen Person in derselben Situation - festgenommen, im Polizeiverhör - die versucht, mit so wenig Strafe wie möglich davonzukommen. Die Fragen, auf die du dabei antworten musst, sind folgende:
    • Warum haben Sie die Parolen gespr√ľht?
    • Wie ist Ihr Verh√§ltnis zur Punk-Szene?
    • Wie stehen Sie zur Verhaftung der Band NAMENLOS?
  2. W√ľrdest du die Aussagen von Ratte und Connie als mutig bezeichnen? Begr√ľnde deine Antwort.
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Urheber: Olaf Meister

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Amtsgericht_Leipzig_2009.JPG

Cc3BYSA

Das heutige Amtsgericht (damals Kreisgericht) in der Leipziger Bernhard-Göring-Straße. Hier wurden die 1983 die drei Sprayer:innen verurteilt.

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Info

Die Urteilsverk√ľndung

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© SStAL Nr. 5223, Bl. 119_Auszug

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Am 22. November 1983 gibt ein hinzugerufener Polizist seine Erinnerungen an die Urteilsverk√ľndung zu Protokoll. SV = Strafvollzug

Connie erinnert sich im Jahr 2000:

"In der Bernhard-G√∂ring-Stra√üe sind wir dann ins Gerichtsgeb√§ude gef√ľhrt worden. Da sah ich dann noch kurz alle unsere Freunde am Eingang stehen. Sie hielten, als sie uns sahen, symbolisch die Faust hoch, und ich habe mich total gefreut. Rufen konnten sie ja nicht, denn daf√ľr waren sie sofort abgegangen. Es war schon ziemlich gef√§hrlich wegen uns dort zusammenzukommen.

Nat√ľrlich haben sie den kleinsten Saal genommen. Meine besten Freunde standen drau√üen. Rotz regte sich auf, warum er in Arbeitsklamotten nicht ins Gericht d√ľrfte, als Arbeiter im Arbeiter- und Bauernstaat. Mein Vater war extra in einer zerrissenen Jeans da und einer alten Kutte und hat, als er reinkam, auch die Faust zu mir gemacht. Das hat mir viel bedeutet.

Sie haben die Urteilsverk√ľndung so schnell runtergesprochen, dass ich gar nicht richtig verstand, was da nun eigentlich gesagt wurde. Fleischer bekam zehn Monate, Ratte sieben, Kr√ľtzner acht Monate und ich neun. Gleich darauf zerrte man uns schon wieder weg. Mein Vater schrie noch irgendwas, wir sind schon wieder in Handschellen die G√§nge des Gerichtsgeb√§udes langgerannt, Gang f√ľr Gang, bis auf den Hof. [‚Ķ] Man hat uns [...] hektisch √ľber den Hinterausgang raus geschleust, weil vor dem Eingang unsere Freunde warteten.

Da haben sie vor uns Schiss gehabt, und das war ein sehr gutes Gef√ľhl."

Hinweis:¬†Die Urteilsverk√ľndung fand am 18. November 1983 im damaligen Leipziger Kreisgericht S√ľd statt. Auf Veranlassung der Richterin durften nur vier Freunde aus dem Punk-Umfeld in den Gerichtssaal. Mit den Beamten des Strafvollzuges war festgelegt worden, dass die angeklagten Jugendlichen √ľber den Hof abtransportiert werden sollten. Lies im folgenden Quellenauszug warum.

Zitat aus: Freiheit f√ľr Jana, Mita und A-Micha! in: C. Mareth/ R. Schneider: Haare auf Krawall. Jugendsubkultur in Leipzig 1980 bis 1991. 4. Auflage 2020, S. 104

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Aufgabe

Social Media gegen Ungerechtigkeit!

Stell dir vor, du w√§rst eine/r von Connies¬†Freund:innen und willst nach der Urteilsverk√ľndung¬†auf ihre Geschichte aufmerksam machen. Anders als Connie, die daf√ľr zur Spraydose greifen musste, st√§nden dir aber die digitalen Mittel des 21. Jahrhunderts zur Verf√ľgung. Gehe √ľber den folgenden Link auf die website zeoob.com¬†. Dort kannst du einen fiktiven Instagram-Post erstellen. Erstelle einen Post zum Thema.¬†Pr√§sentiert euch eure Posts gegenseitig und diskutiert sie.