Die offizielle Jugendkultur der DDR

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Warum tragen alle hier das gleiche Hemd?

Die offizielle Jugendkultur der DDR

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Wenn Erwachsene etwas fĂŒr Jugendliche tun wollen, wird es oft ziemlich peinlich. Das liegt wahrscheinlich vor allem daran, dass Erwachsene nicht gut darin sind, Jugendliche zu verstehen. Und auch daran, dass sich Jugendliche, mit dem, was sie tun und gut finden, oft von Erwachsenen abgrenzen wollen. Die DDR war nun aber ein Staat, dem die Jugendlichen sehr wichtig waren. Und er hatte den Anspruch, seinen Jugendlichen das zu bieten, was sie brauchten und sie dabei zu guten sozialistischen Erwachsenen zu erziehen. Das fĂŒhrte dazu, dass sich in der DDR eine Menge erwachsene Politiker:innen Gedanken ĂŒber Einrichtungen, Gruppen und Veranstaltungen "fĂŒr die jungen Leute" machten. Kann so etwas gut gehen?

1. Warum ist die Jugend so wichtig?

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Torgau am 1. Mai 1980, dem "Kampftag der Arbeiterklasse": Ziel der FDJ ist es, die Jugend kommunistisch zu erziehen.

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) zeigte sich nach außen gern als fĂŒhrend in verschiedenen Bereichen. Sie sah sich als "Friedensland", "Sportnation", "Leseland", "Wissenschaftsrepublik" oder "Kulturnation". Diese Selbstbezeichnungen sind heute sehr umstritten. Die Jugend spielte in der DDR eine entscheidende Rolle, denn sie war die Zukunft - sie sollte den Sozialismus aufbauen und stĂ€rken. Kein Wunder also, dass die DDR sich auch als "Staat der Jugend" sah. Insofern engagierte sich die DDR stark fĂŒr Jugendliche, diese hatten aber bitte im vorgegebenen Rahmen zu bleiben und Erziehung, Bildung und Freizeit fĂŒr junge Menschen waren weitgehend staatlich ausgerichtet.

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"Friedensland" – Internationale Sport-Friedensstafette in Torgau vom 15. bis 22. Juli 1989

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"Die DDR - ein Staat des Friedens": BallettauffĂŒhrung im Leipziger Clara-Zetkin-Park Mitte der 1980er Jahre

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Konzert im Gewandhaus zu Leipzig anlÀsslich des Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbes, 24. Juni bis 8. Juli 1988

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Der Liedermacher Gerhard Schöne singt 1986 in einem Hörsaal der Leipziger Karl-Marx-UniversitÀt, umringt von Kindern.

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Rollschuh-LÀuferin vor der Moritzbastei in Leipzig wÀhrend des Turn- und Sportfestes der DDR im Sommer 1987

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Auf dem Leipziger Hauptbahnhof wÀhrend der Herbstmesse, Mitte der 1980er Jahre

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BĂŒcherstand in der Leipziger Innenstadt, 1985

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Aufgabe

Jugend und Staat

Engagiert sich die Bundesrepublik Deutschland, also der Staat, in dem du heute lebst, fĂŒr ihre Jugend? Gib dazu eine grobe EinschĂ€tzung - "sehr stark", "eher wenig", "gar nicht" ... - und begrĂŒnde diese.

2. Die "Freie Deutsche Jugend"

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1.Mai-Demonstration in Torgau 1980: FDJler:innen sehen sich als UnterstĂŒtzer "der Partei". Damit ist die SED gemeint, die in der DDR das Sagen hatte.

Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) war die einzige staatlich anerkannte und geförderte Organisation fĂŒr Jugendliche in der DDR. Sie war aber nicht nur eine Jugend-, sondern auch eine echte Massenorganisation. In den 1980er Jahren waren ca. 75% der DDR-Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren Mitglied der FDJ. Niemand, keine Partei, keine Organisation, keine Verein, hat im heutigen Deutschland eine solche Reichweite. Also, was war das eigentlich fĂŒr eine Organisation?

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Das Lied "VorwÀrts, Freie Deutsche Jugend"

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© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv

Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv

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"VorwÀrts, Freie Deutsche Jugend"

"VorwÀrts, Freie Deutsche Jugend"

1. Strophe:

Lobt das Lernen, mehrt das Wissen,
preist des Volkes Schöpferkraft! 
Unsre Zeit greift nach den Sternen!
EhrÂŽ und Ruhm der Wissenschaft.

Refrain: 

VorwÀrts, Freie Deutsche Jugend!
Der Partei unser Vertrauen!
An der Seite der Genossen
wolln wir heut das Morgen bauen!

2. Strophe:

Lernt im Geiste ThÀlmanns kÀmpfen
fĂŒr die junge Republik!
Unsre Zeit braucht Herz und HĂ€nde,
und der Frieden braucht den Sieg.

Refrain:

VorwÀrts, ...

3. Strophe:

Seid bereit und kampfentschlossen,
wenn Gefahren uns bedrohn!
Unsre Zeit will GlĂŒck und Frieden,
Freundschaft zur Sowjetunion!

Refrain:

VorwÀrts, ...

Aus: Leben - Singen - KĂ€mpfen. Liederbuch der Freien Deutschen Jugend, hrsg. vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend, Leipzig 1981, S. 17

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Aufgabe

VorwÀrts, Freie Deutsche Jugend!

  1. Hör dir das Lied "VorwÀrts, Freie Deutsche Jugend!" oben an. Beschreibe danach den Eindruck, den das Lied auf dich macht. Beziehe dich dabei auf die Musik, den Rhythmus und die Art des Gesangs.
  2. Lies dir nun den Text des Liedes im Kasten oben durch und markiere alle Textstellen, die sich mit den Zielen und Aufgaben der FDJ befassen.
  3. Fasse kurz zusammen: Welche Informationen ĂŒber die Freie Deutsche Jugend liefert das Lied? 
  4. Wirkt die FDJ so, wie sie sich im Lied prĂ€sentiert, auf dich attraktiv? WĂŒrdest du Mitglied in einer solchen Organisation werden? BegrĂŒnde deine Antwort.

3. AktivitĂ€ten fĂŒr die Jugend ...

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Die FDJ verfĂŒgte ĂŒber eine große Zahl von KlubhĂ€usern und Einrichtungen fĂŒr Jugendliche, sie besaß eine eigene Reiseagentur "Jugendtourist" und organisierte neben zahllosen politischen AktivitĂ€ten auch kulturelle Veranstaltungen wie das "Pfingstreffen der FDJ" oder das von 1982 bis 1987 abgehaltene Musikfestival "Rock fĂŒr den Frieden“.

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Urheber: BK1950

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1973-08_Stra%C3%9Fe_nach_Poiana_Brasov,_Reisebus_mit_Jugendtouristgruppe.jpg?uselang=de

Cc4BYSA

Verreisen mit der FDJ-Reiseagentur – das Foto zeigt eine "Jugendtourist"-Reisegruppe in RumĂ€nien, 1973.

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Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-W1115-008 / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-W1115-008,_Berlin,_Jugendclub_der_FDJ.jpg

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AbhĂ€ngen im FDJ-Jugendklub – Das Foto (und die nĂ€chsten beiden) wurde von der staatlichen Nachrichtenagentur der DDR gemacht. Die Bildunterschrift lautete: "Hinter der Klubbar im Jugendklub in der Greifswalder Straße (Berlin) steht seit kurzem Silvia Wolf. Die 17jĂ€hrige, sie lernt SekretĂ€rin, will in KĂŒrze im Klub aktiv mitarbeiten. Dem FDJ-Aktiv des Klubs gehören 25 Jugendliche an, die die zahlreichen Veranstaltungen organisieren. In der Regel schenkt Silvia Cola aus. Nur an den Disko-Abenden gibt es Alkohol in Maßen".

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Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-1982-1111-025 / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-1111-025,_Leipzig,_Messe_der_Meister_von_morgen.jpg?uselang=de

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Schon mal etwas von "Jugend forscht" gehört? Das ist ein bundesweiter Wettbewerb, bei dem sich Jugendliche mit eigenen Forschungsprojekten bewerben und Preise gewinnen können. So etwas gab es auch in der DDR. Es hieß "Messe der Meister von Morgen" und wurde von der FDJ organisiert. Das Foto zeigt diese Messe in Leipzig, 1982.

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Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0728-021 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1985-0728-021,_Berlin,_Schwimmbad_Siegfriedstra%C3%9Fe,_Sport-_und_Neptunfest.jpg

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Spaß im FDJ-Zeltlager – dieses Foto wurde 1985 gemacht, die Bildunterschrift lautete: "Auf den Namen ®Zahnloser Algenfresser® wird Janette Klier (r.) beim Sport- und Neptunfest im Schwimmstadion in der Siegfriedstraße getauft. Die Studentin beteiligt sich mit 1 100 Kommilitonen aus Leipzig und Halle am Studentensommer in Berlin und wohnt im FDJ-Zeltlager "IX. Parteitag der SED" in der Herzbergstraße (Berlin-Lichtenberg)."

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In den 1980er Jahren war "Rock fĂŒr den Frieden" das große Rockfestival der DDR. Veranstalter waren der Zentralrat der FDJ, das Komitee fĂŒr Unterhaltungskunst der DDR und der Palast der Republik. Offiziell sollte es fĂŒr Friedenspolitik der DDR begeistern. Jenseits dieser propagandistischen Wirkung war es bei Rockfans ein beliebtes Festival, weil viele bekannte Bands auftraten.

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Veranstaltung
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Ein Ausschnitt des DDR-Fernsehens zum Festival "Rock fĂŒr den Frieden" 1983. Gespielt wird "Ein Lied fĂŒr die Menschen" der DDR-Rockgruppe "SILLY". Die Bilder stammen vom Festival und verschiedenen DDR-Friedensdemos.
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Info

Mitmachen oder nicht?

Über den folgenden Link findest du einen Ausschnitt aus einer mdr-Dokumentation, in dem damalige DDR-Musiker ĂŒber das Festival "Rock fĂŒr den Frieden" und ihr VerhĂ€ltnis zu der Veranstaltung sprechen.

4. ... mit staatlichem Auftrag

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In der DDR sollten die BĂŒrger:innen ein Leben lang  – und nicht nur in der Schule – zu "sozialistischen Persönlichkeiten" erzogen werden. Die FDJ wirkte parallel zu Unterricht, Ausbildung oder Studium auf die Jugendlichen ein und war damit Teil des einheitlich organisierten Bildungs- und Erziehungssystems der DDR. Auch sollte sie den Nachwuchs fĂŒr die Staatspartei SED sichern. Bei der GrĂŒndung der FDJ 1946 hieß es noch, sie solle "ĂŒberparteilich, einig und demokratisch" sein. Aber vertrug sich dieser Anspruch aus den AnfĂ€ngen mit der spĂ€teren Entwicklung der FDJ?

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Quelle

Auszug aus dem Statut der FDJ

I. Ziele und Aufgaben der Freien Deutschen Jugend

Die Freie Deutsche Jugend ist die einheitliche sozialistische Massenorganisation der Jugend der Deutschen Demokratischen Republik. Sie vereint auf freiwilliger Grundlage in ihren Reihen junge Menschen, die gemeinsam mit allen WerktĂ€tigen die entwickelte sozialistische Gesellschaft weiter gestalten und so grundsĂ€tzliche Voraussetzungen fĂŒr den allmĂ€hlichen Übergang zum Kommunismus schaffen. Sie verkörpert die politische Einheit der jungen Generation der DDR. [...]

Die Freie Deutsche Jugend arbeitet unter FĂŒhrung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und betrachtet sich als deren aktiver Helfer und Kampfreserve. Grundlage fĂŒr die gesamte TĂ€tigkeit sind das Programm und die BeschlĂŒsse der SED. Die Politik der marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse entspricht den grundlegenden Lebensinteressen der Jugend der DDR, gibt ihr Ziel und Inhalt fĂŒr ein sinnerfĂŒlltes glĂŒckliches Leben und weist ihr den Weg in die kommunistische Zukunft. Die Freie Deutsche Jugend tritt immer und ĂŒberall fĂŒr die Politik der SED ein und hilft mit ganzer Kraft, ihre BeschlĂŒsse zu verwirklichen. [...]

Zentralrat der FDJ (Hg.): Statut der FDJ, Berlin 1988, S. 3

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Aufgabe

Anspruch und Wirklichkeit

  1. Lies dir den Text im Kasten oben durch. Beurteile dann: War die FDJ nach diesem Statut von 1988 noch eine "ĂŒberparteiliche" Organisation? BegrĂŒnde deine Antwort.
  2. Ich habe das GefĂŒhl, dass die Autor:innen des Texts oben schon vorhersahen, dass es Kritik an der klaren Ausrichtung der FDJ an der Staatspartei SED geben könnte. Deshalb haben sie diese Ausrichtung als richtig und notwendig begrĂŒndet. Finde diese BegrĂŒndung im Text und vollziehe sie in eigenen Worten nach.

5. Freiwillige Mitgliedschaft?

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Die Jugendlichen wurden auf Antrag ab einem Alter von 14 Jahren aufgenommen. Mitglied in der FDJ zu werden war per Statut eine freiwillige Entscheidung. FĂŒr diejenigen, die sich jedoch gegen eine Mitgliedschaft entschieden, war eine solche Verweigerung mitunter mit Diskriminierungen und Nachteilen fĂŒr die schulische oder berufliche Laufbahn verbunden. FĂŒr die meisten Jugendlichen in der DDR schien eine Mitgliedschaft in der FDJ wohl einfach "normal", wohingegen eine Nichtmitgliedschaft nur bei starken persönlichen Überzeugungen ĂŒberhaupt in Betracht gezogen wurde. In den 1960er Jahren war jeder zweite Jugendliche, in den 1980er Jahren waren schon drei von vier Jugendlichen in der FDJ organisiert. Die Mitgliedschaft endete zumeist mit 25 Jahren.

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Der Zeitzeuge Henning Schluss ĂŒber sein VerhĂ€ltnis zu Pionieren und FDJ.
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Urheber: Appaloosa

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blauhemd_FDJ-Hemd_GDR.jpg?uselang=de

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Das sogenannte „Blauhemd“ (auch: FDJ-Hemd oder FDJ-Bluse) war seit 1948 die offizielle Organisationskleidung - und zugleich Erkennungsmerkmal - der Jugendorganisation: Ein Hemd aus blauem Stoff, mit aufgenĂ€hten Brusttaschen, SchulterstĂŒcken und mit einer golden aufgehenden Sonne am linken Ärmel, dem Emblem der FDJ.

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Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0521-414 / Schindler, Karl-Heinz / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1985-0521-414,_Berlin,_XII._Parlament_der_FDJ.jpg

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Jedes Mitglied der FDJ hatte es zu besonderen AnlÀssen zu tragen. Das Foto zeigt die Eröffnung des XII. Parlaments der FDJ 1985 im "Palast der Republik" in Ost-Berlin.

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Stiftung Fotoarchiv BrĂ€unlich Foto 033-004-088

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FĂŒr manche war es eine Ehre, dieses Hemd zu tragen, fĂŒr andere eher eine lĂ€stige Pflicht. Foto: FDJ-Mitglieder aus Torgau und Leipzig nehmen 1984 am Nationalen Jugendfestival der DDR in Berlin teil.

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Von oben nach unten - der Aufbau der FDJ
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Info

Die Pionierorganisation der DDR

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Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

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Emblem der Pionierorganisation "Ernst ThÀlmann"

Die Pionierorganisation „Ernst ThĂ€lmann“ war eine politische Massenorganisation fĂŒr Kinder in der DDR. Sie wurde 1948 unter Leitung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) gegrĂŒndet. Im Jahr 1952 erhielt sie den Namen „Ernst ThĂ€lmann“, benannt nach dem von den Nationalsozialisten 1944 ermordeten frĂŒheren KPD-Chef. Als Vorstufe zur Mitgliedschaft in der FDJ war die Pionierorganisation fest im sozialistischen Bildungs- und Erziehungssystem verankert. Am Ende der DDR waren circa 98% aller SchĂŒler:innen Mitglieder bei den Pionieren. Wie bei der FDJ war die Mitgliedschaft formal freiwillig. Jedoch wurde sie von Seiten des Staates und nicht zuletzt auch von vielen Eltern als selbstverstĂ€ndlich betrachtet.

Die Pionierorganisation sollte von Anfang an Einfluss auf die Kinder in der DDR nehmen, um sie im Sinne der sozialistischen Ideologie zu beeinflussen. Dies geschah zum Beispiel bei Fahnenappellen in der Schule und im Rahmen von Pioniernachmittagen, auf denen z.B. Lieder gesungen und die Grundlagen des Sozialismus in spielerischer Form vermittelt wurden. Diese Pioniernachmittage wurden von einem Gruppenrat organisiert, der in jedem Schuljahr neu gewĂ€hlt wurde und sich aus den beliebtesten und leistungsstĂ€rksten SchĂŒler:innen einer Klasse zusammensetzte. Seine Mitglieder sollten als Vorbilder und Vertrauenspersonen fĂŒr die MitschĂŒler:innen fungieren.

Der Pionierorganisation war es möglich, eine Vielzahl von Veranstaltungen sowie regelmĂ€ĂŸige Freizeitangebote wie Kurse oder AGs fĂŒr ihre Mitglieder anzubieten. Insgesamt existierten in der DDR etwa 50 Pionierlager sowie knapp 150 PionierhĂ€user, in denen die Ferien bzw. die Freizeit verbracht werden konnten. 

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-007-080

Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-007-080

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Auch Sportveranstaltungen fĂŒr Kinder, die "Pionierspartakiaden", bei denen WettkĂ€mpfe in allen gĂ€ngigen Sportarten abgehalten wurden, waren ein wesentlicher Teil der Jugendarbeit der Pionierorganisation. Auf Kritik bei manchen Eltern stießen einige von den Pionieren durchgefĂŒhrte vormilitĂ€rische Übungen, wie z. B. das von der Nationalen Volksarmee (NVA) organisierte "Manöver Schneeflocke“. Dabei handelte es sich um ein militĂ€risches GelĂ€ndespiel, bei dem die Kinder einen ersten spielerisch-positiven Kontakt zur Armee der DDR bekamen.

Bei allen Veranstaltungen der Pioniere wurde das Kollektiv, also die Gruppe, sehr stark betont. Individualismus des Einzelnen war hier ebenso wenig erwĂŒnscht wie in anderen Teilen der DDR-Gesellschaft. Die Pionieruniform steht symbolisch fĂŒr dieses Ideal des Gleichseins. Sie bestand aus einem weißen Hemd mit blauer Hose fĂŒr Jungen. MĂ€dchen trugen eine weiße Bluse mit blauem Rock. Dazu wurde stets ein dreieckiges blaues bzw. ab 1973 bei den ThĂ€lmann-Pionieren auch rotes Halstuch getragen. Dieses wurde mit einem speziellen Pionierknoten gebunden. DarĂŒber hinaus gab es einen eigenen Pioniergruß. Wenn PĂ€dagog:innen, an die Klasse gerichtet, riefen „FĂŒr Frieden und Sozialismus – seid bereit!“, dann antworteten die Kinder wie aus einem Mund mit „Immer bereit!“. Parallel dazu legten die SchĂŒler:innen die rechte innere Handkante entlang des Scheitels. 

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Stiftung Fotoarchiv BrĂ€unlich Foto 033-004-084

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Jungpioniere

Kinder von der 1. bis zur 3. Klasse waren bei den Jungpionieren organisiert. Nach dem Ablegen des "Pionierversprechens" wurden sie feierlich zu Jungpionieren erklĂ€rt. Anschließend bekamen sie als Zeichen ihrer Mitgliedschaft das blaue Halstuch. Dieses wurde ihnen von Ă€lteren Mitgliedern umgebunden. Es wurde fortan zu besonderen AnlĂ€ssen zusammen mit Pionierhemd bzw. -bluse getragen. Außerdem bekamen die Kinder einen Pionierausweis, der die sogenannten Pioniergebote enthielt. DarĂŒber hinaus gab es fĂŒr die Jungpioniere auch eine eigene Zeitschrift, die  "ABC-Zeitung", die einmal monatlich erschien.

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Stiftung Fotoarchiv BrĂ€unlich Foto 033-004-092

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ThÀlmann-Pioniere

SchĂŒler:innen der 4. bis 7. Klassen konnten ThĂ€lmann-Pioniere werden. Der Wechsel von den Jungpionieren zu den ThĂ€lmann-Pionieren erfolgte zu Beginn des vierten Schuljahres mit dem Ablegen des sogenannten Pioniergelöbnisses. Außerdem bekamen die Kinder ein Mitgliedsbuch ausgehĂ€ndigt sowie ein vom Zentralrat der FDJ herausgegebenes Statut, das die sogenannten Pioniergesetze enthielt. Die typische Pionieruniform, die schon von den Jungpionieren zu feierlichen AnlĂ€ssen getragen wurde, blieb erhalten. Ab 1973 trugen die ThĂ€lmann-Pioniere statt des blauen ein rotes Halstuch. Auch die ThĂ€lmann-Pioniere hatten eine eigene, wöchentlich erscheinende Zeitung, die "Trommel".

Andreas Parnt, Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

Abschlussaufgaben: Warum FDJ?

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aus staatlicher Sicht aus jugendlicher Sicht

Aufgabe

Warum FDJ?

  1. ErklĂ€re die FDJ aus Sicht eines DDR-Regierungsvertreters. Nutze dafĂŒr Informationen aus dem gesamten Kapitel.
    1. Warum ist eine Organisation wie die FDJ notwendig?
    2. Welche unterschiedlichen Aufgaben hat die FDJ?
    3. Mit welchen Mitteln erfĂŒllt sie diese Aufgaben?
  2. Bleib in deiner Rolle als DDR-Regierungsvertreter:in. Bei einem Empfang bezeichnet ein westdeutscher Journalist dir gegenĂŒber die FDJ als "Spießerladen fĂŒr staatstreue, karrieregeile Arschkriecher". Entwirf eine Rede, in der du die FDJ gegen diesen Vorwurf verteidigst.

Aufgabe

Warum FDJ?

  1. Stell dir vor, du wĂŒrdest in der DDR der 1980er Jahre leben, könntest du dir vorstellen, Mitglied der FDJ zu werden? 
    1. Ja? – Dann bearbeite Aufgabe 2.
    2. Nein? – Dann bearbeite Aufgabe 3.
  2. Deine Eltern sind strikt dagegen, du möchtest aber nicht gegen ihren Willen eintreten. Erarbeite einen Vortrag, mit dem du deine Eltern erklĂ€rst, warum es fĂŒr dich richtig und sinnvoll ist, in die FDJ einzutreten.
  3. Deine Eltern drĂ€ngen dich, in die FDJ einzutreten, um dir Ärger zu ersparen. Du möchtest aber ihre UnterstĂŒtzung bei deiner Entscheidung gegen die FDJ. Erarbeite einen Vortrag, mit dem du deinen Eltern erklĂ€rst, warum du es ablehnst, in die FDJ einzutreten.
aus staatlicher Sicht aus jugendlicher Sicht

6. "Wir wollten doch nur unseren Spaß haben!“ – Jugendkulturen in der DDR

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Jugendliche in Cottbus, Weihnachten 1986
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"Jetzt drĂŒck schon ab, uns wird kalt ..." - Jugendliche in Cottbus, 1986

Jugendliche mit Kofferradio, Turnschuhen, Mantel und Lederjacke in Leipzig auf dem Platz der Republik (heute: Willy-Brandt-Platz) vor dem Hauptbahnhof, Mitte der 1980er Jahre.
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-027-016

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"The Harder They Come" - Jugendliche mit Kofferradio vor dem Leipziger Hauptbahnhof, Mitte der 1980er Jahre

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-014-031

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FĂŒr die Jugendlichen in der DDR der ganz große Renner: Mopeds aus Suhl und MotorrĂ€der aus Zschopau

Jugendliche mit gestylten Haaren und Kassettenrecorder bzw. Kofferradio in der Leipziger Innenstadt, vermutlich an der Wiese zwischen Petersstraße und Thomaskirche, 1985 oder 1986.
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"Haare auf Krawall?" - Jugendliche mit gestylten Haaren und Kassettenrecorder in der Leipziger Innenstadt, 1985/86

Junges MĂ€dchen mit einem Kofferradio in einer Straßenbahn in Dresden, 1986.
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-027-027

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"Nur wenn ich trĂ€ume, bin ich frei?" - Junges MĂ€dchen mit einem Kofferradio in einer Straßenbahn in Dresden, 1986

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In der DDR hatte das Skatspiel unter den Jugendlichen eine enorme Fan-Gemeinde.

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"Da hat die staatliche 'DDR-Jugendmode' keine Chance ..." – viele Jugendliche in der DDR orientierten sich an den modischen Trends der Jugendkulturen im Westen.

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-027-042

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Vom Kap Arkona bis zum Fichtelberg: "The Kids Just Wanna Have Fun"!

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Wie Du gesehen hast, war die FDJ fĂŒr Jugendliche allgegenwĂ€rtig. Die meisten Jugendlichen arrangierten sich mit den staatlichen Erwartungen an sie. Die einen aus Überzeugung, die anderen, um keine Probleme zu bekommen. Manchen mag die Begrenztheit der DDR nicht besonders aufgefallen sein, einige wurden mit zunehmendem Alter immer gleichgĂŒltiger.

Doch in jeder Phase der DDR gab es sie, die freiheitsliebenden jungen Leute, die in ihrer Freizeit einfach „ihr Ding machen“ wollten. Die sich ihre FreirĂ€ume nahmen. Die provozierten. Die unangepasst, eigensinnig, anders waren 
 Um diese Jugendlichen und ihre Wege wird es in den folgenden Kapiteln gehen.