Neonazis und rechtsextreme Jugendliche

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Karin Wieckhorst Foto 035-007-109

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"Die Deutsche Demokratische Republik hat [...] auf ihrem Gebiet [...] den Nazismus ausgerottet." – Wirklich? (Auszug Zitat: Artikel 6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, vom 9. April 1968, in der Fassung vom 7. Oktober 1974) Foto: Leipzig, 1989

Neonazis und rechtsextreme Jugendliche

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Kennst du das MĂ€rchen „Des Kaiseres neue Kleider“ (Volltext hier) von Hans Christian Andersen? In diesem MĂ€rchen wird ein nackter Kaiser, der behauptet und glaubt, die schönsten Kleider anzuhaben, von einem kleinen Kind blamiert. Einfach dadurch, dass das Kind sich weigert, bei der LĂŒge des Kaisers mitzumachen und den Satz sagt: „Aber er hat ja gar nichts an!“
Die DDR hatte eine Ă€hnliche Situation. Ihre „neuen Kleider“ waren die Behauptung, es könne in einem antifaschistischen Staat keine Rechtsextremen oder Neonazis geben. Daran glaubte die DDR-FĂŒhrung wahrscheinlich wirklich, genau wie der Kaiser an seine Kleider. Aber dann kam der 17.10.1987 und mit ihm kein Kind, sondern ein Haufen Ostberliner Neonazis. Und die riefen nicht „Er hat ja gar nichts an!“, sondern „Heil Hitler!“.

1. Plötzlich – Nazis!

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"Zeitzeugenbericht" von Katrin "Zeitzeugenbericht" von Maik
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Katrin, unsere fiktive Zeitzeugin, erzÀhlt von den Ereignissen vom 17. Oktober 1987.
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© Digitale Lernwelten GmbH erstellt mit Canva

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Unser fiktiver Zeitzeuge Maik berichtet von den Ereignissen des 17.10.1987.
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"Zeitzeugenbericht" von Katrin "Zeitzeugenbericht" von Maik
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Info

Fiktive Zeitzeug:innen?

Die beiden "Zeitzeug:innen" Maik und Katrin in den Audios oben gibt es nicht wirklich. Wir haben sie uns ausgedacht und ihren Text eingesprochen, um die Ereignisse vom 17.10.1987 aus der Perspektive der Konzertteilnehmer:innen darzustellen. Die Grundlage fĂŒr unsere Texte sind aber historische Quellen und Berichte. 

Lukas Epperlein

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

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Plakat fĂŒr das Konzert von ELEMENT OF CRIME und DIE FIRMA in der Zionskirche am 17. Oktober 1987

Am Abend des 17. Oktobers 1987 ĂŒberfielen rechtsextreme Skinheads ein Punkkonzert in der Ost-Berliner Zionskirche. Neben der Punkband DIE FIRMA spielte auf dem Konzert auch ELEMENT OF CRIME aus West-Berlin. Als die Konzertbesucher:innen die vollbesetzte Kirche verließen, schlugen etwa 30 angetrunkene Neonazis aus Ost- und West-Berlin auf sie ein. Dabei brĂŒllten sie faschistische Parolen wie "Juden raus", "Kommunistenschweine" und "Sieg Heil!". Anwesende Volkspolizisten registrierten das Geschehen, hielten sich aber im Hintergrund und griffen erst ein, nachdem ein Notruf eingegangen war.

2. Rowdys, vom Westen gesteuert?

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„Jugendliche Rowdys“?: Normalerweise wurden gewalttĂ€tige Aktionen von Neonazis und rechtsextremen Jugendlichen von der DDR-Regierung als einfaches "Rowdytum" abgetan, um das Bild eines "antifaschistischen Staates" zu bewahren. Diese Taten wurden heruntergespielt und nicht angemessen aufgearbeitet, was zu einem gefĂ€hrlichen Mangel an Bewusstsein fĂŒr das tatsĂ€chliche Ausmaß des Problems fĂŒhrte.

Im Fall des ZionskirchenĂŒberfalls funktionierte diese Strategie aber nicht wirklich. Zu deutlich war der rechtsextreme Bezug durch die "Heil Hitler"-Rufe und durch die Beteiligung einer "Westband" bekam auch die Westpresse bald Wind von der Sache und begann, ĂŒber die Ostberliner Nazis zu berichten. Die Verteidigungsstrategie der Regierung war nun, dass die Ostberliner "Rowdys" von ihren Westberliner Kollegen (bei denen es sich natĂŒrlich um waschechte Neonazis gehandelt hĂ€tte) zu ihren Taten angestiftet worden wĂ€ren. 

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Interne Dienstmeldung des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) vom 5. Januar 1988: Der ADN ĂŒbermittelt hier eine Meldung aus der Bundesrepublik, die sich auf Ereignisse in der Zionskirche bezieht.

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Urheber: Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig

MfS, HA XX AKG 1346 Zionskirche anonymisiert

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Info

Rechte Straftaten in der DDR: Bagatellisierung durch § 215

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Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

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In der DDR gab es einen Gesetzestext, der als 'Rowdy-Paragraph' bekannt wurde. Dieser Paragraph, offiziell §215 im Strafgesetzbuch der DDR, wurde 1968 eingefĂŒhrt, um gegen Leute vorzugehen, welche die öffentliche Ordnung störten. Er bestrafte GewalttĂ€tigkeiten, Drohungen oder das Zerstören von Dingen, wenn es von einer Gruppe ausging und die Regeln des sozialistischen Lebens missachtete. Die Strafe dafĂŒr konnte bis zu fĂŒnf Jahre Freiheitsstrafe betragen. Wenn jemand alleine solche Dinge tat oder nur eine kleine Rolle spielte, konnte die Strafe weniger streng sein, vielleicht bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe.

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Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

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Die Regierung der DDR leugnete offiziell oft das Vorhandensein von rechtsextremen AktivitÀten im Staat, um das Bild einer harmonischen sozialistischen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Dadurch wurden neonazistische Straftaten als einfaches "Rowdytum" oder als einzelne Provokationen abgetan.

Andreas Parnt

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Ein Ostberliner Rechtsextremer ĂŒber die staatlich-mediale Sicht auf ihn und seine Kollegen (1988).
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Sammlung zeitgenössischer Interviews von Peter Wensierski

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Aufgabe

  1. Der rechtsextreme Jugendliche oben wurde nach dem Überfall auf die Zionskirche interviewt. Beschreibe in eigenen Worten, wie er die Berichterstattung der DDR seitdem wahrnimmt.
  2. Was stört ihn an der Behauptung, er und seine Kollegen wÀren "aus dem Westen gesteuert"?

3. Zwischenschritt: Wir mĂŒssen ein paar Begriffe klĂ€ren

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Wenn wir uns die rechtsextreme Jugendkultur in der DDR, aber auch anderswo, genauer anschauen wollen, mĂŒssen wir zunĂ€chst ein paar Begriffe klĂ€ren. Was bedeutet "Faschist", "Nazi" oder "rechtsextrem" eigentlich? Die Begriffe werden heute wie damals gerne in einen Topf geworfen und tatsĂ€chlich gibt es auch grĂ¶ĂŸere Schnittmengen zwischen ihnen. Aber um zu verstehen, was die DDR mit Antifaschismus meinte oder was ein Rechtsextremer meint, der sagt, er habe zwar etwas gegen AuslĂ€nder:innen, sei aber kein Nazi, sollten wir uns die Begriffe in ihrer Bedeutung und ihren Unterschieden kurz anschauen.

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Aufgabe

Rechtsextremismus in Begriffen

  1. Beziehe die drei Begriffe "rechtsextrem", "faschistisch" und "nationalsozialistisch" aufeinander und grenze sie voneinander ab. Welche Verbindungen bestehen, wo gibt es Unterschiede?
  2. "Ich bin rechtsextrem, aber kein Nazi." Ist diese Behauptung glaubwĂŒrdig? Wenn ja, welche Überzeugungen mĂŒsste ein solcher Mensch haben bzw. nicht haben? Wenn nein, warum nicht?  

4. Nazismus ausgerottet?

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In der DDR war der Antifaschismus als offizielle Leitlinie des Staates verankert. Das bedeutete, dass die Ablehnung des Faschismus und die aktive BekĂ€mpfung jeglicher faschistischer Ideologien und Gruppierungen in der Verfassung festgeschrieben waren. Diese Grundprinzipien bildeten die Richtlinien fĂŒr alle staatlichen Entscheidungen und die Politik in der DDR. Sie betonte die Wichtigkeit des Kampfes gegen jegliche Formen des Faschismus, basierend auf den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der GrĂ€ueltaten des nationalsozialistischen Regimes. So wurden antifaschistische Werte und Überzeugungen zu einem zentralen Bestandteil des staatlichen Handelns und der gesellschaftlichen Ausrichtung in der DDR.

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Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

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Die Verfassung der DDR – ein "antifaschistischer Schutzwall"?

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Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

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Artikel 6 klĂ€rt die Lage innerhalb der DDR bezĂŒglich des "Nazismus" (Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, vom 9. April 1968, in der Fassung vom 7. Oktober 1974).

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Info

"Die verordnete SolidaritÀt" - Der Umgang mit Fremden in der DDR

In der DDR wurde SolidaritĂ€t und Austausch mit Menschen aus anderen LĂ€ndern betont. Doch wĂ€hrend nach außen hin ein Bild von Offenheit gezeigt wurde, gab es in der RealitĂ€t kaum Kontakt und Misstrauen. Obwohl die Regierung ArbeitskrĂ€fte aus anderen LĂ€ndern als Vertragsarbeiter:innen in die DDR holte, blieben Beziehungen zu Einheimischen oft begrenzt. Liebesbeziehungen zwischen auslĂ€ndischen Vertragsarbeiter:innen und DDR-BĂŒrger:innen wurden offiziell missbilligt und teils sogar untersagt. Die Arbeiter:innen wohnten meistens abgeschottet in speziellen UnterkĂŒnften, mussten nach Vertragsende wieder in ihr Land zurĂŒck und durften keine Familienangehörigen mitbringen. Ende 1989 lebten etwa 190.000 AuslĂ€nder:innen in der DDR, was nur etwas mehr als 1% der Gesamtbevölkerung entsprach. Darunter waren rund 94.000 Vertragsarbeiter:innen, wovon zwei Drittel vietnamesischer Herkunft waren.

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-001-589

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Liebespaar in inniger Umarmung auf einer Parkbank im Schillerpark, Leipzig, 1980er Jahre
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub Foto 029-001-194

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Zwei Frauen spazieren am MĂ€gdebrunnen auf dem Roßplatz vorbei, Leipzig in den 1980er Jahren. Eine von ihnen schiebt ein Simson-Moped.

Andreas Parnt

5. Rechtsextreme im antifaschistischen Staat?!

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Der DDR-FĂŒhrung war nun schon bewusst, dass sich etwa ab 1980 zunĂ€chst in Ostberlin und dann im ganzen Land eine Jugendkultur bildete, die in Aussehen, Auftreten und ihren Aktionen ziemlich offen rechtsextrem war. Wie oben beschrieben wurden diese Leute zunĂ€chst einfach unter dem Oberbegriff "Rowdys" gefasst, ihr offensichtlich politisches Programm wurde zunĂ€chst eher ignoriert. Hilfreich dabei war sicher auch, dass die rechtsextremen Jugendlichen sich selbst meistens gar nicht als Neonazis oder Faschisten bezeichneten, sondern als "Skinheads" oder "Skins".

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Der Skin Die Stasi
Interview mit Ost-Berliner Skinheads 1988: Einblicke in die Szene von Berlin und der DDR. Ihre typische Kleidung - Bomberjacke, Springerstiefel, Karohemd und Jeanshose - orientierte sich an westlichen Vorbildern.
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Sammlung zeitgenössischer Interviews von Peter Wensierski

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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, BArch MfS HA XX AKG Nr. 80

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Bericht der Hauptabteilung XX des MfS vom MĂ€rz 1989 ĂŒber "Skinheads, Punks, Heavy's und Gruftis" sowie deren UnterstĂŒtzer. Titel des Berichts: EinschĂ€tzung aktueller jugendlicher Verhaltensweisen und deren BekĂ€mpfung durch politische Maßnahmen

Der Skin Die Stasi

6. Was sind eigentlich Skins? – Es ist kompliziert

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Die Skinhead-Bewegung begann in den 1970er Jahren in East London als Gruppe von weißen Arbeitern, die sich mit schwarzen Jugendlichen aus der Karibik anfreundeten und ihre Liebe zur "schwarzen" Musik teilten, wie zum Beispiel Early Reggae, Ska und Northern Soul. Dabei bildete sich auch relativ schnell ein bestimmter Stil der Jugendkultur heraus – nĂ€mlich der der damaligen Londoner Arbeiterjugend: kurze Haare bis abrasierte Haare (Skinhead = Glatzkopf), Stiefel, enge Jeans, Hemden, oft mit HosentrĂ€gern. Man grenzte sich dabei auch gezielt von der damals dominanten Jugendkultur ab, den Hippies mit ihren langen Haaren und weiten Schlaghosen.

Anfangs waren die Skinheads eher unpolitisch, aber in den 1980er Jahren spaltete sich die Szene in verschiedene politische Lager, darunter sowohl Linksextreme und Punks als auch Rechtsextreme und Neonazis. Einige Skinheads grĂŒndeten in den 1980er-Jahren die SHARP-Bewegung (SkinHeads Against Racial Prejudice), um sich gegen rassistische Strömungen innerhalb der Szene zu positionieren. Heute gibt es verschiedene Gruppen innerhalb der Skinhead-Kultur, von traditionellen und antirassistischen Skins bis hin zu rechtsextremen Naziskins.

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Skins-Style Skins im Film Skins im Musikvideo
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Urheber: the4Skins2004

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_4-Skins_1980.jpg

Cc3BYSA
Die englische Band THE 4-SKINS, 1980
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Urheber: â™Ș♫PSICO--MODâ™Ș♫

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Skingirls_3088254.jpg

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Auch Frauen in der Szene: Zwei typische Skin-Girls (engl.: Renees)
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Urheber: Victoria Johnson

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ModernSkinhead.jpg

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HosentrÀger, Poloshirt und raspelkurze Haare

Der Film "This is England" von 2006 spielt 1983 und liegt vollstĂ€ndig in der ARTE-Mediathek. In ihm tritt eine Gruppe typischer Skins aus dieser Zeit auf, z.B. in Min. 8.30 bis 11.00. FĂŒr einen originalgetreuen Eindruck lohnt es sich, den Film in englischer Tonspur zu hören, auch wenn der Akzent der Jungs echt schwer zu verstehen ist – es geht sowieso mehr um das GrundgefĂŒhl.

Business - Suburban Rebels - (London, UK, 1982)
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SUBURBAN REBELS: "Business", 1982
Skins-Style Skins im Film Skins im Musikvideo
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Info

Skins und Gewalt

Die Szene entstand im Umfeld von Arbeitersiedlungen, Pubs und Fußballstadien – alles Orte, an denen Streitereien nicht immer mit Worten, sondern hĂ€ufig auch mit FĂ€usten ausgetragen werden. Sich untereinander oder mit anderen zu prĂŒgeln, sich beim Tanzen anzurempeln und durch die Gegend zu schubsen gehörte dazu. Mit der Ausdifferenzierung der Skinheadsubkultur, vor allem in die rechtsextreme Richtung nahm diese grundsĂ€tzliche Gewaltbereitschaft aber auch eine klarere Zielrichtung an. Gewalt war unter rechten Skins immer auch politisch und richtete sich vor allem gegen AuslĂ€nder:innen und linke 'Feinde'.

Lukas Epperlein

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Wie auch HipHop oder Heavy Metal erreichte die Skinheadjugendkultur die DDR ĂŒber den Umweg Westdeutschland. Die ersten Skinheads tauchten Anfang der 1980er Jahre auf, vor allem in Fußballstadien, zunĂ€chst bei Mannschaften wie BFC Dynamo (Berlin), Lok Leipzig und Hansa Rostock. Ein großer Teil der DDR-Skinheads war aus der Punkbewegung herĂŒber gewechselt. Diese Jugendlichen drĂŒckten ihren Alltagsfrust durch Gewalt aus. EinflĂŒsse aus dem Westen waren spĂŒrbar, da viele Menschen trotz der Mauer familiĂ€re und freundschaftliche Verbindungen in den Westen pflegten. Musik, Mode und Symbole aus dem Westen, wie Bomberjacken und DocMartens wurden in der DDR ĂŒbernommen und beeinflussten die Jugend.

Musik spielte eine wichtige Rolle in der Skinhead-Bewegung, auch fĂŒr die DDR-Skins. Interessanterweise hörten diese eher weniger die alten englischen Bands, die den Weg fĂŒr die Skinhead-Musik ebneten. Stattdessen gelangten zunehmend ĂŒberspielte Kassetten mit Skinhead-Bands aus Westdeutschland in die DDR. Die teilweise rechtsoffenen und gewaltverherrlichenden Texte - das heißt, die Texte können Inhalte enthalten, die sich nicht klar von rechtsextremen Ideologien distanzieren und möglicherweise Gewalt als Mittel fĂŒr politische Ziele darstellen - konnte man aufgrund der gemeinsamen Sprache verstehen, was ein GefĂŒhl der Verbindung vermittelte. Es wurden sogar Lieder speziell "fĂŒr die da drĂŒben" geschrieben, um eine Verbindung zwischen den Skinheads in Ost und West herzustellen.

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Zwei Ost-Berliner Skinheads reden ĂŒber ihre Motivation und BeweggrĂŒnde, Skinhead zu sein.
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Sammlung zeitgenössischer Interviews von Peter Wensierski

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Video

Die anderen Skins, auch in der DDR

Über diesen Link findest du auf der Seite der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung die DDR-Musikreportage "FlĂŒstern und Schreien". In dem Film siehst du ab Min. 45:35 eine Gruppe Jugendlicher im typischen Skin-Style auf einem Punkkonzert der Gruppe "Feeling B" am Ostseestrand tanzen. Im nachfolgenden Interview (ab Min. 46:50) geben sich die Jungs aber eher unpolitisch und spaßorientiert. 

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Skin, kein Nazi? Die anderen Skins

Der Skin in Element 22 sagt, er wĂ€re weder Faschist noch Neonazi. Glaubst du ihm das? BegrĂŒnde deine Antwort und beziehe dich dabei sowohl auf die Aussagen des Skins zu seinen politischen Zielen als auch auf die Begriffsdefinitionen in Element 11.

Stell dir vor, der Interviewer im Film "FlĂŒstern und Schreien" in Element 23 hĂ€tte den Jungs am Ostseestrand (ab Min. 46:50) die Frage gestellt "Warum lauft ihr eigentlich rum wie Nazis?" Formuliere eine Erwiderung auf diese Frage/diesen Vorwurf, beziehe dich dabei auf die Aussagen der Jungs und den Inhalt des Unterkapitels zu den Skins.

Skin, kein Nazi? Die anderen Skins

7. Skins und Neonazis – die rechtsextreme Jugendkultur der DDR war vielfĂ€ltig

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Neonazi aus Überzeugung Im GefĂ€ngnis "nazifiziert" Der Skinhead
Rechts und Radikal - Warum gerade im Osten? | Doku
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Arnulf Priem ist bis heute ĂŒberzeugter Neonazi. Er wurde bereits in der DDR Neonazi, weil er Adolf Hitler bewunderte.
Rechts und Radikal - Warum gerade im Osten? | Doku
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Ingo Hasselbach, Ex-Neonazi, wurde erst im DDR-GefÀngnis durch Kontakt zu Altnazis zum Neonazi.
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Sammlung zeitgenössischer Interviews von Peter Wensierski

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Neonazi aus Überzeugung Im GefĂ€ngnis "nazifiziert" Der Skinhead
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Info

Verborgene Hautbilder: TĂ€towierungen in der DDR-Haft

In der DDR wurden TĂ€towierungen von manchen als Ausdruck von IndividualitĂ€t und Protest gegenĂŒber der staatlichen Kontrolle betrachtet. Von der Regierung wurden sie misstrauisch beĂ€ugt. TĂ€towierungen mit politischen Motiven oder Symbolen, insbesondere solchen mit Verbindungen zum Nationalsozialismus oder anderen nicht sozialistischen Ideologien, wurden als unerwĂŒnscht und strafrechtlich bedenklich eingeschĂ€tzt. Personen, die solche TĂ€towierungen trugen oder gar selbst tĂ€towierten, waren rechtlichen Konsequenzen ausgesetzt. Diese reichten von Verhören und Überwachung durch die Staatssicherheit (MfS) bis hin zu strafrechtlicher Verfolgung wegen "staatsfeindlicher Propaganda" oder "Verbreitung von verfassungsfeindlichen Symbolen“.

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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS BV Dresden AKG Fo10721

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Die Fotografien zeigen T., einen DDR-GefĂ€ngnisinsassen mit zahlreichen TĂ€towierungen. In der DDR waren Tattoos nicht ĂŒblich, da es keine offiziellen Tattoo-Studios gab. Menschen, die sich tĂ€towieren ließen, taten dies oft im Verborgenen und mit primitiven Methoden. Politische Motive oder Aussagen in TĂ€towierungen waren besonders riskant, da sie verfolgt wurden.
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS BV Dresden AKG Fo10721

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T. trÀgt TÀtowierungen, die eindeutig auf den Nationalsozialismus hinweisen.
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS BV Dresden AKG Fo10721

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Der Satz "Heute Deutschland und morgen die Welt" erinnert an das bekannte NS-Lied "Es zittern die morschen Knochen". Verfasst von Hans Baumann 1932, wurde es ab 1934 Pflichtmusik in den NS-Organisationen und ist heute als verfassungsfeindlich verboten.
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS BV Dresden AKG Fo10721

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TĂ€towierung mit dem Spruch "Die Treue ist das Mark der Ehre": Der Satz stammt ursprĂŒnglich aus einem Gedicht des 19. Jahrhunderts. Er wird aber schon seit lĂ€ngerem von extrem rechten Gruppen genutzt, um völkisches Denken, Krieg und Wehrmachtstugenden zu verherrlichen.
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS BV Dresden AKG Fo10721

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TÀtowierung mit dem Spruch "Deutschland erwache": Diese Losung war Teil des Fahnenkults der paramilitÀrischen Kampforganisation der NSDAP, der sogenannten Sturmabteilung (SA).
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS BV Dresden AKG Fo10721

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TÀtowierung mit dem Spruch "Lieber tot als rot": Ein antikommunistisches Schlagwort aus dem Zweiten Weltkrieg, das erstmals durch Joseph Goebbels öffentlich verwendet wurde. Die Propaganda sollte deutsche Soldaten und Zivilisten dazu motivieren, die Rote Armee bis zum eigenen Tode zu bekÀmpfen.

Andreas Parnt

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Aufgabe

"Nazi wurde man in der DDR aus den verschiedensten GrĂŒnden. Das verbindende Element der Szene war die Verachtung fĂŒr den DDR-Staat, der sich auf seinen Antifaschismus so viel einbildete. Mit nichts konnte man diesen Staat besser provozieren als mit Rechtsextremismus." 

ÜberprĂŒfe diese Behauptung kritisch. WĂ€hle dafĂŒr eine der drei Personen in Element 26, arbeite deren Motive heraus und bewerte auf dieser Grundlage die Behauptung oben.

8. Reaktionen auf den NaziĂŒberfall auf die Zionskirche ...

... von staatlicher Seite

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Urheber: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pressekonferenz_Hardy_Kr%C3%BCger_-Gemeinsam_gegen_rechte_Gewalt-,_K%C3%B6ln-7832.jpg?uselang=de

Cc4BYSA

Bernd Wagner 2013. Er grĂŒndete zusammen mit dem Ex-Neonazi Ingo Hasselbach die Nazi-Aussteigerinitiative "EXIT-Deutschland".

Vgl.: EXIT-Deutschland - Ausstieg aus dem Rechtsextremismus.

Die TĂ€ter des ZionskirchenĂŒberfalls wurden grĂ¶ĂŸtenteils gefasst und vor Gericht gestellt, erhielten zunĂ€chst aber relativ milde Urteile. Als dies in der Westpresse und dann auch in der DDR-Öffentlichkeit kritisiert wurde, wies die Regierung an, das Verfahren wiederaufzunehmen. Das Ergebnis waren dann hĂ€rtere Urteile, so musste z.B. der Hauptangeklagte Ronny Busse fĂŒr vier Jahre ins GefĂ€ngnis.

DarĂŒberhinaus ĂŒberwachte der Staat die rechtsextreme Szene in der DDR nun stĂ€rker. So wurde beispielsweise der Kriminalbeamte Bernd Wagner als Leiter der "AG Skinhead" beauftragt, Erkenntnisse ĂŒber die Szene zu sammeln. Dabei entstand eine genaue und umfangreiche Bestandsaufnahme ĂŒber die erschreckende GrĂ¶ĂŸe und Organisiertheit der Szene, die allerdings – auch wegen der Auflösung des DDR-Staats 1990 – keine politischen Reaktionen hervorrief.

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Tabelle

Rechtsextreme Organisationen in der DDR 1989

Die Tabelle fĂŒhrt die von den DDR-Behörden bis 1989 erfassten Organisationen auf.

NameOrt
SS-Division Walter KrĂŒger WolgastWolgast
SS-Kampfstaffel NordMecklenburg
Wehrsportgruppe GartzGartz
WotansbrĂŒderHalberstadt
NS-Kampfstaffel Thale/QuedlinburgThale
Bucher VolkssturmBerlin
Wilhelmsruher TĂŒrkenklatscherBerlin
Bewegung 30. JanuarBerlin
Berliner Anonyme EinheitsfrontBerlin
Lichtenberger FrontBerlin
VandalenBerlin
OstkreuzlerBerlin
BrandenburgerVogtland
Deutschland stirbt Vogtland
SS-TeutonenkampfstaffelKlingenthal
Freikorps MengeleKlingenthal

Quelle: Bernd Wagner, Rechtsradikalismus in der SpÀt-DDR, Berlin 2014, S. 341

... aus eigenem Engagement gegen Rechts

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Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0124-308 / MittelstÀdt, Rainer / CC-BY-SA 3.0

https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Wei%C3%9F_(Regisseur)#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0124-308,_Konrad_Wei%C3%9F.jpg

Cc3BYSA

Konrad Weiß, 1990

Als Reaktion auf den aufkommenden Neonazismus in der DDR griffen verschiedene Gruppen das Problem aktiv auf. So zum Beispiel die "Anti-Skin-Liga" aus Potsdam. Die Gruppe wurde von Jugendlichen nach dem Überfall auf die Zionskirche gegrĂŒndet, um gegen rechte Skinheads vorzugehen. Sie organisierten Treffen und Veranstaltungen in kirchlichen Einrichtungen, um junge Leute ĂŒber nazistische Tendenzen aufzuklĂ€ren. Ebenfalls 1989 veröffentlichte der DDR-Regisseur Konrad Weiß einen Artikel "Die neue alte Gefahr" in der Samisdat-Zeitschrift "Kontext Nr. 5" ĂŒber junge Faschisten in der DDR. Sein Text betonte die Wichtigkeit von Demokratie, um junge Menschen vor gefĂ€hrlichen Ideologien zu schĂŒtzen.

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Antifa in der DDR "Die neue alte Gefahr"
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS HA XX 14909

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Symbol des Widerstands: Ein durch das MfS beschlagnahmter AufnÀher mit dem Motiv "Faust zerschlÀgt Hakenkreuz", hergestellt von Potsdamer Antifa-Jugendlichen im Siebdruckverfahren 1987.
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS HA XX 14909

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Antifa-Flugblatt mit klaren Botschaften: "Gegen Faschismus", "Antisemitismus", "Rassismus", "Militarismus", "Sexismus". Potsdam, 1989
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS HA XX 14909

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Samisdat zur antifaschistischen Informationsverbreitung: Titelblatt des "Antifa-Infoblatts", das aufgrund zunehmender faschistoider Tendenzen und unzureichender staatlicher Informationen herausgegeben wurde.
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© Bundesarchiv, Stasi-Unterlagenarchiv, Außenstelle Leipzig, MfS HA IX 1587

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Information der MfS-Bezirksverwaltung (BV) Potsdam vom 6.11.1987: Wegen des Anbringens von Losungen und selbstgefertigten FlugblĂ€ttern im Potsdamer Stadtgebiet wurden geheimpolizeiliche Maßnahmen von der Stasi eingeleitet.
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

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Im MĂ€rz 1989 wurde die Zeitschrift "Kontext Nr. 5" von Mitgliedern der Bekenntnisgemeinde Berlin herausgegeben. Zwischen 1988 und 1990 erschienen insgesamt sieben Ausgaben dieser Samisdat-Zeitschrift. In diesem Heft wurde erstmals ein Beitrag ĂŒber Neofaschisten in der DDR von Konrad Weiß veröffentlicht.
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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig

Arrc
Dieser Text erregte viel Aufmerksamkeit und wurde spÀter mehrmals im Samisdat nachgedruckt.
Antifa in der DDR "Die neue alte Gefahr"

9. Die BaseballschlÀgerjahre: die ostdeutsche Naziszene nach der Wiedervereinigung

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Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der Grenzen verstĂ€rkte sich auch die AktivitĂ€t rechtsextremer Gruppen. Die politische Unsicherheit und die wirtschaftliche InstabilitĂ€t boten einen NĂ€hrboden fĂŒr die Radikalisierung und das Erstarken der Neonazi-Szene. Ihre AktivitĂ€ten umfassten Hasspropaganda, rassistische Übergriffe und Gewalttaten gegen Minderheiten, insbesondere gegen Migrant:innen und Asylsuchende aber auch Linke. 

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Info

Höhepunkte des Hasses – Beispiele rechtsextremer AnschlĂ€ge in den 1990er Jahren

Bis Mitte der 1990er Jahre nahm die Gewalt der Neonazi-Szene drastisch zu. In Hoyerswerda begannen ab dem 17. September 1991 rassistische Übergriffe auf AsylbewerberunterkĂŒnfte, gefolgt von den erschreckenden Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen zwischen dem 22. und 26. August 1992. Dort griff eine aufgebrachte Menschenmenge die Zentrale Aufnahmestelle fĂŒr Asylbewerber und ein Wohnheim an, wobei es zu Brandstiftungen und Angriffen kam. Doch solche GewaltausbrĂŒche geschahen nicht nur auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. In der Nacht vom 22. November auf den 23. November 1992 setzten Neonazis zwei WohngebĂ€ude in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Mölln in Brand. Beide HĂ€user wurden von tĂŒrkischen Familien bewohnt. Am 29. Mai 1993 wurden in Solingen fĂŒnf tĂŒrkischstĂ€mmige Frauen und MĂ€dchen bei einem Brandanschlag ermordet. Es war die folgenschwerste rassistische Tat nach monatelangen Angriffen auf FlĂŒchtlinge und Migrant:innen. Diese Ereignisse sind erschreckende Beispiele fĂŒr die wachsende Gewalt und Radikalisierung der Neonazi-Szene in Deutschland bis Mitte der 1990er Jahre.

Andreas Parnt

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Bernd Heinze Foto 006-016-127

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Ein junger Mann nimmt an den Montagsdemonstrationen in Leipzig im Januar 1990 teil. Er trÀgt eine Bomberjacke mit einem Adler-AufnÀher in der Mitte, umgeben von dem Schriftzug "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein".

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© Archiv BĂŒrgerbewegung Leipzig / Bernd Heinze Foto 006-016-130

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Teilnehmer bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig im Januar 1990 halten ein Transparent, wÀhrend im Hintergrund ein junger Mann eine Reichskriegsflagge schwenkt. Nach dem Mauerfall 1989 traten auf den Leipziger Montagsdemonstrationen immer hÀufiger und verstÀrkt solche rechtsextremen Symbole auf.

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Urheber: Unknown author

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutsche_Marine_Postkarte_vor_1903.jpg

PD

Die "Reichskriegsflagge" ist ursprĂŒnglich die Flagge deutscher Kriegsschiffe im 19. Jahrhundert. Seit dem Ende der Naziherrschaft 1945 und dem Verbot von Nazisymbolen wie dem Hakenkreuz wird die Reichskriegsflagge auch gerne von Rechtsradikalen benutzt. Die meisten Menschen, die heute eine Reichskriegsflagge schwenken, tun das nicht, weil sie Fans der kaiserlichen Kriegsmarine sind, sondern um zu zeigen, dass sie eigentlich gerne eine andere Flagge schwenken wĂŒrden.

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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Silvio_Meier.jpg

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Silvio Meier, * 12. August 1965 in Quedlinburg; † 21. November 1992 in Berlin

Die Nazigewalt der BaseballschlĂ€gerjahre kostete viele Menschen das Leben. Im Jahr 1992 wurden in Deutschland offiziell 32 Menschen von Rechtsextremen ermordet – der mit Abstand höchste Wert in der Geschichte der Bundesrepublik. Einer von ihnen war Silvio Meier, der 1987 das Konzert in der Zionskirche mitorganisiert hatte. Er wurde am 21.11.1992 an der Berliner U-Bahnstation "Samariterstraße" von Neonazis erstochen.